Wann haben wir die Rolle, die wir in der „Sprachenindustrie“ ausüben, nicht mehr verstanden – oder anders gesagt: wo beginnt und endet der Aufgabenbereich eines Übersetzers?
Wer kennt das nicht, dass er nach getaner Arbeit die aus einem CAT-Tool extrahierte Übersetzung erneut formatieren muss, da die Insertion aus der Maschine das Format „zerrissen“ hat.
Wir – die als Übersetzer das Know-how haben, eine unter Umständen höchst komplexe Übersetzung fachgerecht auszuführen – akzeptieren einen Auftrag, indem wir ggf. Rabatt auf Wortwiederholungen und auf ähnliche, aber nicht identische Sätze (die sogenannten Fuzzy-Matches) gewähren. Wir akzeptieren es, auf unzähligen Plattformen mit den verschiedensten Software-Varianten eine Übersetzung auszuführen, weil es der „Sprachenindustrie“ so besser passt, und nicht, weil es unsere intellektuelle Arbeitstätigkeit wesentlich erleichtert. Wir willigen ein, denn wir Übersetzer sind fast alle neugierige Wesen, die darauf bedacht sind, neue Übersetzungsinstrumente und Terminologiedatenbanken zu testen, zu bewerten und sie in unserem Arbeitsalltag zu verwenden, sollten sie einen Mehrwert mit sich bringen.
Ferner, übersetzen wir, sezierend, an sogenannten Tags vorbei. Bei Tags handelt es sich um Kategorisierungen, d. h. sie sind eine Art Etikett, die das Übersetzungswerkzeug anbringt, um im Idealfall bei der Extraktion der Übersetzung z. B. Großbuchstaben, Fett- und Kursivschrift sowie Titel und Aufzählungen u.v.m. gemäß Original wieder in das Dokument einzufügen.
Nachdem dies vorausgeschickt ist, frage ich mich, wann wir uns während dieses Prozesses von uns selbst entfremdet haben und ob wir endlich wieder zur Besinnung kommen.
Was zählt bei unserer Profession: Die Sprache oder das Format? Ist es der korrekt übertragene Inhalt oder die Berichtigung der Tag-Issues in MT-Segmenten einer Datenbank, die nicht uns, sondern der „Sprachenindustrie“ gehört? Was ist von Relevanz, ob das Dokument, das wir liefern, in Inhalt und Form dem Original entspricht oder ob wir das Übersetzungswerkzeug angemessen gepflegt haben? Dafür gibt es Alignment- und CAT-Tool-Experten. Fast jeder Sprachendienst beschäftigt eine Person, die ausschließlich für die maschinellen Übersetzungswerkzeuge zuständig ist. Dafür benötigt man keinen Übersetzer, der womöglich noch in Astrophysik spezialisiert ist, es sei denn, die „Sprachenindustrie“ ist dazu bereit, uns entsprechend zu entlohnen. Ist sie das?
Wann genau haben wir unser Zepter der „Sprachenindustrie“ übergeben?
Bei einem Direktkunden gehört ein Rundum-Service meines Erachtens dazu. Aber Endkunden entlohnen einen Sprachenprofi gebührlich und wir sorgen im Gegenzug dafür, dass unsere Übersetzung den Kunden langfristig rundum zufrieden stellt.
Wissen ist Macht.
Wann haben wir Übersetzer vergessen, wer hier eigentlich das Wissen besitzt, um den Auftrag fertigzustellen?
Meist können nur wir beurteilen, warum eine Lösung angebracht ist und wann von einer anderen abzuraten ist. Wir kennen uns gründlich in unseren Fachgebieten aus, wir wissen meist ganz genau, warum wir uns für einen Begriff entschieden haben. Wir haben hierfür ein Studium absolviert und bilden uns ständig fort. Zudem sind wir stets auf dem neusten Stand im Hinblick auf Übersetzungstechnik und -werkzeuge.
Wir sind viel einflussreicher als wir glauben.
Ich bin davon überzeugt, dass es nicht gerechtfertigt ist, dass wir die Arbeit der „Sprachenindustrie“ übernehmen. Diese liefert uns zwar Großkonzerne und Institutionen als Kunden, aber müssen wir uns dafür aus Dankbarkeit gleich auf die Knie werfen?
Diese Industrie gäbe es nicht ohne uns, daher haben wir einen Verhandlungsspielraum, den wir ab jetzt wieder nutzen sollten.
Wir sollten unser Augenmerk einzig auf die inhaltliche Qualität der Übersetzung legen, denn hierfür werden wir bezahlt. Für zusätzliche Dienstleistungen wie DTP oder besondere Layout-Arbeiten sollten wir einen Aufpreis verlangen.
Wir sind das Herz und auch das Hirn (!) dieser „Sprachenindustrie“ und es ist an der Zeit, dies selbstbewusster zu kommunizieren. Also, worauf warten wir noch?
Übersetzer an die Macht!
Illustration: Libby VanderPloeg